PAVLOV’S DOG – PLEITEN, PECH, PANNEN UND PAVLOW’SCHE HUNDE von: MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK (August 2007)
VORSPANN: Pavlov’s Dog waren und sind eine der ungewöhnlichsten Bands der Art Rock-Szene. Heiß geliebt, tief gehasst und vor allem einzigartig, von jeder Menge geheimnisvoller Mythen umrankt. 2007 gibt es dieses Phantom nach wie vor, es wird im Sommer gar mit Original-Sänger David Surkamp auf der Bühne stehen – und beweisen, dass ein Mythos von einst auch heute noch herrliche, energiegeladene Realität sein kann.
KASTEN: Pleiten, Pech und Pannen, damit könnte man wohl am ehesten die Geschichte einer der einflussreichsten Art-Rock-Bands aller Zeiten betiteln. Und das, obwohl die Zeichen der Zeit von Beginn ihrer Tage an eigentlich auf Erfolgs-Sturm standen für diese Formation. Die Rede ist von Pavlov’s Dog aus St. Louis/Mississippi. Immerhin hatte das einstige Septett, das am Ende seiner Karriere zum Quintett geschrumpft war, ein Evergreen namens „Julia“ im Repertoire, das bis heute gern gehörter Gast auf jeder ordentlichen Prog-Rock-Fete ist. Bereits 1973 erarbeitete der Siebener in fieberhafter Intensität Material für ein komplettes Album, parallel dazu spielten sie jede Menge Live-Gigs vor allem in der Heimatstadt. Der große Durchbruch der Band stand an, als ein lokaler Radiosender in St. Louis das Stück „Theme From Subway Sue“ regelmäßig abnudelte. Den hörte eines Tages auch Ron Powell, Mitte der 70er Jahre der einflußreichste Rock-Promoter aus Missouri. Powell nahm die Band unter seine Fittiche und verschaffte ihr einen Vertrag mit dem Major-Label ABC. Ein Jahr später erschien das Debütwerk – und bis heute Art-Rock-Meilenstein – namens „Pampered Menial“, auf dem auch der Klassiker „Julia“ zu hören ist. Nichts geschah! Dennoch schafften Pavlov’s Dog es, ein Jahr später ihr zweites Album namens „At The Sound Of The Bell“ via „Columbia“ auf den Markt bringen zu lassen. Und wieder passierte nichts, stattdessen wurde die Gruppe von ihrer Firma fallengelassen... Zwar hatte Pavlov’s Dog bis zu jener Entscheidung schon ein drittes Werk mit dem provisorischen Titel „Has Anyone Here Seen Siegfried?“ aufgenommen, doch das wurde von der Band selbst als eine Art „official bootleg“ erst Anfang der 1980er Jahre raus gebracht und erscheint nun erstmals in vernünftiger Version auf CD. Danach trennten sich die Mitglieder heillos zerstritten voneinander. 1990 schien es, als würde der „Dog“ ein weiteres Mal das Haupt erheben, wenn auch nur in einer fünfköpfigen Rumpfbesetzung. Akustisches Ergebnis war die Langrille „Lost In America“, die vom Mini-Label „Telectro Records“ vertrieben wurde (und ebenfalls gerade eben erstmals auf CD in vernünftiger Version erschienen ist) – im Vergleich vor allem zu den beiden frühen Meisterwerken allerdings ein gräßlich matter Abklatsch des einst so typischen originären Pavlov’s Dog-Sounds. Nach diesem Flop löste sich die Gruppe erneut auf und zerstob in alle Winde. Kaum einer von ihnen hatte danach einen Job, der etwas mit Musik zu tun hatte. Nur David Surkamp hielt und hält die Pavlov’s Dog-Fahne weiterhin wenigstens hoch – er gründete mit Gattin Sara Mitte der 1990er The David Surkamp Band, deren Live-Material zur Hälfte aus altem Pavlov’s Dog-Stoff besteht, wie man auf den Deutschland-Konzerten im Sommer dieses Jahr hören werden wird. Gründe genug, um mit dem inzwischen 53jährigen Surkamp ein aufschlussreiches Gespräch zu führen.
FRAGE: David, erinnerst du dich noch an die Sessions zu euren beiden Meilensteinen „Pampered Menial“ und „At The Sound Of The Bell“?
SURKAMP: Als wir zwischen 1973 und 1974 an die Stücke von „Pampered Menial“ angingen, waren Gruppe wie Manager wie Plattenfirma voller höchster Erwartungen. Doch die für kommerziellen Erfolg so wichtigen Radiostationen machten nicht mit, praktisch kein Sender hat „Julia“ oder ein anderes Lied aus dem Debüt im Programm gehabt. Also ließ uns ABC rasch fallen. Dafür sprang der Major „Columbia“ in die Bresche, zahlte eine erneut sagenhafte Summe von 600.000 US-Dollars und veröffentlichte „Pampered Menial“ ein weiteres Mal. Wieder geschah nichts. Trotzdem machten wir mit „At The Sound Of The Bell“ weiter. Die Scheibe war noch komplexer, gehaltvoller und melancholischer als der Vorgänger, entsprechend passte sie noch weniger zum Massengeschmack und verkaufte noch miserabler als der Vorgänger. Jetzt ließ auch „Columbia“ uns, die einst heiß geliebte Truppe, fallen. Tja, danach spielten wir Material für eine dritte Platte ein, doch die wurde nicht mal offiziell veröffentlicht. Alles irgendwie ziemlich traurig, oder nicht?
FRAGE: Du bist vor über 30 Jahren zu Pavlov’s Dog gekommen und es scheint, dass dich die Band nach wie vor nicht los lässt. Was macht Pavlov’s Dog für dich so faszinierend?
SURKAMP: Nun, wir waren die wenigen Jahre, die wir zusammen steckten, nie eine normale Band, sondern wir lebten Pavlov’s Dog 24 Stunden am Tag. Man darf ja nicht vergessen, dass wir Außenseiter waren, denn wir stammten aus dem tiefen Süden der USA, aus St. Louis, in dem nur der Blues musikalisch ernst genommen wurde. Na ja, wir hatten nichts gegen den Blues, doch spielte er stets lediglich eine untergeordnete Rolle in unserem Sound. Viel wichtiger war uns diese für die 70er Jahre ungewöhnliche Melange aus Rock, Klassik, Psychedelic und Folk. Und je mehr man uns dafür in unserer Heimat ablehnte, desto verbissener stürzten wir uns in die Arbeit. So etwas verbindet. Weil die Zeit mit Pavlov’s Dog die intensivste in meinem Leben war, hänge ich natürlich weiterhin an den Jungs, die mitgemischt haben. Wobei ich der einzige von uns bin, der noch mittelbar mit der Pavlov’s Dog-Vergangenheit zu tun hat, denn ich spiele an rund hundert Tagen im Jahr mit meiner Gruppe – der David Surkamp Band oder auch unter Pavlov’s Dog – mindestens zu 50 Prozent altes Material.
FRAGE: Wie sind die Reaktionen der Leute darauf?
SURKAMP: Großartig! Auch und vor allem bei Zuhörern, die noch gar nicht geboren waren, als die Lieder auf den Markt kamen. Keine Ahnung, ob sie das Zeug vorher bei ihren Eltern in der Plattensammlung durch Zufall entdeckt haben oder ob es ihnen gar kein Begriff war. Jedenfalls scheinen sie es zu lieben. Was mir wiederum zeigt, dass ich ein paar Jahre lang wirklich zeitloses Material komponiert habe. So etwas macht mich natürlich verdammt stolz. Obwohl Pavlov’s Dog, keine Frage, für mich schon auch eine Menge mit Nostalgie zu tun hat.
FRAGE: Wobei deine neuen Songs unter dem Signet The David Surkamp Band gar nicht so viel anders wie der alte Stoff klingen...
SURKAMP: Was aber garantiert in erster Linie an meiner Stimme liegt, die ist einfach unverkennbar, die kann man nur hassen oder lieben. Und dann sicher auch daran, dass Pavlov’s Dog seit jeher eine Kategorie für sich war, wir haben uns nie irgendwelchen Moden oder Trends unterworfen. Das sind wohl die beiden Hauptgründe dafür, dass die alten Pavlov’s Dog-Scheiben nach wie vor ordentliche Stückzahlen verkaufen und ihre Relevanz in der Moderne haben.
FRAGE: Du sprachst gerade von nach wie vor ordentlichen Verkaufszahlen der alten Platten. Bist du dank der Tantiemen von Pavlov’s Dog reich geworden?
SURKAMP: Nein, wirklich nicht! Doch immerhin, meine Frau Sara und ich leben mit unseren beiden Kindern sowie jeder Menge Tieren in einem schönen Haus in St. Louis, es geht uns gut, wir sind eine harmonische Familie, die jeden Tag genug zu essen auf dem Tisch stehen hat. Mehr erwarten wir gar nicht vom Leben.
FRAGE: Dabei wart ihr in den 1970er Jahren eine der bestbezahlten Bands aller Zeiten...
SURKAMP: Ja, doch die dicke Kohle gleich zu Beginn unserer Karriere hatte zwei entscheidende Nachteile: Zum einen machte sie uns arrogant und lähmte eine Zeitlang unsere Kreativität, zum anderen haben sich eine Menge zwielichtiger Manager an uns ran gemacht und das meiste von der Kohle für sich abgezwackt. Man sieht daran einmal mehr, dass Geld alleine bestimmt nicht glücklich macht.
FRAGE: Auffallend an deiner Musik gestern wie heute ist ihre geradezu gnadenlose Melancholie – weil du eine melancholische Person bist?
SURKAMP: Unbedingt! Ich weiß zwar nicht genau, warum ich diese Weltsicht habe – aber ich bin garantiert ein eher introvertierter, grüblerischer Mensch. Wobei man Melancholie keinesfalls mit Pessimismus oder gar Resignation gleichsetzen darf. In meinem Privatleben bin ich ein sehr ausgeglichener, zufriedener Kerl, alleine schon wegen der Frau an meiner Seite, die ich seit 20 Jahren kenne und mit der ich seit 16 Jahren verheiratet bin. Sie ist mein Alter Ego, mein Königskind. Wenn man als Mensch das Glück hat, seine andere Hälfte zu finden, kann man gar nicht unglücklich sein. Aber insgesamt sehe ich das Leben als großes, unfassbares Mysterium an.